Meisterkurse und Konzerte

2. - 9. Januar 2020

Presse

„In die Geschichte des Landkreises eingetragen“
Summer Academy of Music mit Konzert und Dankesworten beendet

„Wenn ich sie hier alle strahlen, lachen und gackern sehe, dann muss es stimmen“, antwortete Hinrich Alpers auf die Frage, ob er auch in diesem Jahr rundherum zufrieden sei. Mit der 10. Sommerakademie, bei der vieles funktioniert, weil es eine gewisse Erfahrung und Routine gibt, mit der Atmosphäre, bei der manches „ganz aufregend wie beim ersten  Mal ist“. Zum Beispiel, wer kommt – wenn es denn keine Wiederholungstäter sind. Wovon es inzwischen schon zahlreiche gibt. Jetzt ist die Meisterklasse Geschichte, und 38 Studentinnen und Studenten aus zwölf Nationen reisen wieder nach Hause. Die Dozenten eilen zum nächsten Kurs oder in den Urlaub.

„Die Akademie hat sich in die Geschichte des Landkreises eingeschrieben“, zeigte sich Dr. Theodor Elster, erster Vorsitzender des Vereins Sommerakademie, überzeugt, als er Alpers dankte. Und den vielen Helfern, dem Publikum – ohne das es die Konzerte so nicht gäbe -, dem Fotografen Hans Lepel, dessen Fotos der jeweils vorangegangenen Akademie das Langhaus seit drei Jahren schmücken, und Birgit Alpers-Meyer, die alle Fäden jenseits der Musik in der Hand hält.

Der letzte Abend gehörte vor dem Büfett natürlich der Musik und begann mit einer letzten Fassung von Benedict Masons „Jubilee Diary“. Wieder eine verrückte Angelegenheit mit ganz vielen musikalischen  Zitaten und Mitwirkenden, von denen die jüngsten fünf waren! Der Konzertabend bewegte sich meist auf bekannten Wegen: Joseph Haydn, Violoncellokonzert D-Dur, Johann Sebastian Bach, französische Suite G-Dur oder Noten aus dem „Wohltemperierten Klavier“.

Aufhorchen ließ Knut Hansen (26, Deutschland), der sich Paul-Hindemith-Noten aufs Pult legte; in den „ruhig bewegten Vierteln“ (so die Spielanweisung) hielt er die Spannung virulent. Marie Rosa Günter (27, Deutschland) spielte von Jörg Widmann „Humoresken“, mit schönem Ehrgeiz am Verstören, der mutigen Torpedierung von Erwartung.

Und dann gab es selbstverständlich die Renommierstücke! Erfreulicherweise stellten sich aber alle Spieler von Liszt oder Chopin in den Dienst der Noten. So Jingning Lin (15, China), die die Konzertetüde „Gnomenreigen“ (Liszt) interpretierte. Von befeuernder Eindringlichkeit, hörte man die Kobolde huschen, sich trollen und – weg sind sie…

Ganz wunderbar das „Pezzo Capriccioso“ von Pjotr Tschaikowski. Der erst 17-jährige Jason Lee (Südkorea) wurde zum Violoncello, das er in jeder Nuance eindringlich zu streichen wusste, am Flügel kongenial von Karim Said begleitet. Beide besaßen in ihrem Spiel die Ausführlichkeit von Maß und Balance, die auch um die Wirkung der Knappheit wusste.

Das allerschönste Adagio allerdings strich (wohl nicht nur an diesem Abend) Pieternel Tils (19, Niederlande), die zusammen mit Ella-Marie Steinmetz (23, Deutschland) Mozarts Violinkonzert G-Dur KV 216 zur Gehör brachte. Die Musik und ihre Interpretation war pure Verführung, der sich auch das Kammerorchester „Wratislavia“ offenkundig beeindruckt zu Füßen warf. Krönender Abschluss das Klavierkonzert e-moll op. 11 von Frédéric Chopin, mit dem man nichts falsch machen kann, weil es in der Tradition der Virtuosenkonzerte der Zeit steht.

Fine! Zehn Tage Sommerakademie sind um. Die elfte Ausgabe gibt es in einem Jahr, vom 16. bis 26. Juli 2020. Dann erwarten das Publikum wieder technische Brillanz, schönes Sentiment, fröhliches Nuancierungsvermögen all dieser detailversessenen Arbeiter an den Instrumenten. „Stenografie des Gefühls“ nannte Lew Tolstoi die Musik. Man kann es aber auch mit einem Norddeutschen halten: „Musik ist die Kunst, in der sich alle Menschen als Kinder eines Sterns erkennen.“ Theodor Storm. Denn wie selbstverständlich und friedlich alle in einem Miteinander agierten, ob sie nun aus Israel oder Vietnam, China, Südkorea oder Deutschland kamen – das ist, gerade in diesen Zeiten, wie ein Wunder. Und diese Zugehörigkeit „Sommerakademie“ muss man erleben, nicht definieren.

Urkundenübergabe an die Teilnehmenden

Herzlicher Dank an Benedict Mason …

… und Sabine Frick

Ella-Marie Steinmetz

Jannik Truong und Chong Wang, begleitet vom Kammerorchester WRATISLAVIA

Pieternel Tils im Adagio von Mozarts Violinkonzert G-Dur

Barbara Kaiser – 15. Juli 2019

 

 

Schlussspurt
Sommerakademie biegt mit erstem Abschlusskonzert im Kloster Medingen auf die Zielgerade  ein

Ist es schon wieder fast vorbei? Die 10. Internationale Sommerakademie Geschichte? Das erste Abschlusskonzert, das traditionell in der Klosterkirche Medingen stattfindet, brachte fast drei Stunden Musik; zwischen Mozart, Bach und Beethoven, Haydn, Schumann, Brahms und Chopin. Nein, keine Moderne, leider. Es war der Abend der Solisten.

Er freue sich „über das Interesse an unserer Akademie“, begrüßte der Vereinsvorsitzende, Dr. Theodor Elster, die Gäste und bedankte sich dieses Mal besonders bei der Klosterkammer Hannover – dessen Präsident Hans-Christian Biallas sich extra nach Medingen bemüht hatte -, dem Konvent und Altäbtissin Monika von Kleist für die Gastfreundschaft in den Räumlichkeiten des altehrwürdigen Hauses.

Die neueste Fassung von Benedict Masons „Jubiläumstagebuch“ hatte da schon seine Aufführung hinter sich. An diesem Abend nach Reggae klingend, verlässlich mit Metronomen und Klanghölzern. Aber eine Erkennungsmelodie wird daraus nicht mehr, eher ein spaßiges Experiment. Vielleicht auch der Versuch, wie weit man die Zuhörer auf die Probe stellen kann.

Dann ging es schwungvoll los: Joseph Haydn, Violoncellokonzert C-Dur. Für die Sätze Moderato, Adagio und Allegro molto waren Hadas Caspi (19, Israel), Maksim Fedcenko (20, Deutschland) und Yu-Tung Huang (Taiwan), die an diesem Tag 20 Jahre alt wurde, verantwortlich. Die musizierten mit sattem Sound und in größtmöglicher Lässigkeit, die emotionale Reißkraft dieser Musik auskostend. Das Adagio mit herber Liebenswürdigkeit, das Orchester – seit Jahren verlässlicher Partner das Kammerorchester „Wratislavia“ aus Wrocław – klar und kräftig formulierend.

Dann der Klavier-Solo-Abschnitt: Seunghwan Kim ((Südkorea) spielte Johann Sebastian Bachs Toccata e-moll BWV 914. Die Toccata – diese italienische Cembalomusik, die der Komponist systematisch in eigenen Werken reflektierte, aus improvisierten Läufen eine organisierte Form schuf. Die 23-Jährige agierte mit Genauigkeit, aber ohne Pedanterie, die abschließende schöne Fuge sehr aufmerksam aushörend.

Der erst 14-jährige Marcus Kuhlmann (China) wagte sich ans Allegro con brio aus Ludwig van Beethovens Sonate C-Dur op. 2,3. Er wusste seinen Part durchaus meisterlich, unbekümmert und mutig zu nehmen. Fröhlich und direkt.

Aus Robert Schumanns „Waldszenen“ op. 82 interpretierte Daisy Sun (17, China) der „Vogel als Prophet“ und „Jagdlied“. Diese neun Charakterstücke aus dem Jahr 1848/49 sind gerade für den „Vogel“ ein Prüfstein des pianistischen Anschlags. Die Chinesin spielte diese Musik mit ihren Sehnsüchten und Ahnungen, die einhüllt und die Seele mitschwingen lässt. Beim „Jagdlied“ war dann der Hörnerschall unüberhörbar!

Ke Ma kommt ebenfalls aus China, ist aber bereits 25 Jahre alt. Frédéric Chopins Prélude cis-moll op. 45 entwickelte sie aus der fließenden Figur, ohne Eile und überflüssige Effekte, mit einem zerbrechlichen, zärtlichen Beben.

Vor der Pause noch Johannes Brahms` „Phantasien“ op. 116, die Stücke 6 und 7. Séverine Kim aus Südkorea (25) fand den passenden präzisen Lakonismus, sind es doch „Monologe eines Einsamen“, wie die Musikliteratur meinte.

Nach der Pause zwei Mal Mozart, von dem Tschaikowski sicher war, dass er „ein höchster Gipfelpunkt“ sei. Für dessen Klavierkonzert d-moll KV 466 standen Anastasia Magamedova (21, Russland) und Norina Hirschi (16, Schweiz) am Start. Feurig, federnd und elegant mit einer tadellosen Kadenz die Russin im Allegro, gänzlich unantiquiert und aufreizend unsentimental (wobei das „Romance“ einen Metronomschlag mehr vertragen  hätte) die junge Schweizerin.

Es folgte das Violinkonzert A-Dur KV 219. Die Sätze Allegro aperto, Adagio und Rondeau: Tempo di Minuetto strichen Heonji Kang (24, Südkorea), Valentine Blangé (20, Niederlande) und Magdalena Turek (20, Polen). Wahrscheinlich sind die letzten beiden die heimlichen Favoriten der Streicher, hatte Blangé doch zwei Tage zuvor im Tanejew-Quintett geglänzt, und Turek war beim Abendvorspiel in Holdenstedt mit Sarasate umjubelt worden.

Es wurde insgesamt farbenreich und der genauen Charakteristik der Sätze entsprechend agiert. Mit energetischem Vorwärtsdrängen, aber ohne Hetze. Mit einem am Herzen ziehende Adagio und einem Rondeau zum Niederknien. Wobei die drei Solistinnen es auch schafften, das wie immer etwas robuste Kammerorchester zu bändigen.

Ein Abend zum Freuen also, an dem 13 der 38 jungen Menschen aus zwölf Nationen den Auftakt gaben für den Abgesang der 10. Sommerakademie; der schillernde Momente hatte und die Kunst des verfliegenden Augenblicks – die Musik – ins wunderbarste Licht zu rücken wusste.

Pausengespräch

Anastasia Magamedova mit Mozart

Dank und “Farewell” an Jerome Lowenthal

Hadas Caspi eröffnet mit Haydn

Magdalena Turek schließt mit Mozart

Barbara Kaiser – 13. Juli 2019

 

Mit koloristischer Fähigkeit
Kammermusik-Gala Nr. 2 mit Haydn, Beethoven und Tanejew

Der Applaus war frenetisch und nicht enden wollend! Was für eine Musik! Eine, die Noten in  Regionen trieb, wo sie Gefühl werden… Die zweite Kammermusik-Gala der Sommerakademie hatte sich als letzten und einzigen Programmpunkt nach der Pause das Klavierquintett g-moll op. 30 von Sergej Tanejew vorgenommen.

Die Dozenten Wojciech Garbowski (Violine), Jennifer Anschel (Viola), Sabine Frick (Violoncello) und Hinrich Alpers (Klavier) trugen die 20-jährige belgische Geigerin (2. Violine) Valentine Blangé  zu ihrem vielleicht bis jetzt größten Erfolg. Umjubelt jedenfalls wurden die Fünf nach 45 Minuten Spiel.

Der Russe Tanejew (1856 bis 1915) war Tschaikowski-Schüler, selbst Lehrer für Skrjabin und Rachmaninow und schrieb das viersätzige Werk im Jahr 1911. Seine charakteristische kontrapunktische Meisterschaft erwarb sein Schöpfer durch die Beschäftigung mit Palestrina und Händel.

Die musikalische Mammutaufgabe besteht aus meist wütender Expression, die die Musiker*innen mit enormem Enthusiasmus darboten. Hochkomplex das Allegro patetico des ersten Satzes. Das zunächst zierliche Scherzo von Satz zwei füllt sich, unterbrochen durch Zwischenrufe der einzelnen Instrumente, schnell zu wahrhaft sinfonischer Größe. Auch das Largo in Satz drei ist keineswegs zurückgenommene Trauer, lässt, nur kurz, an Bachs „Air“ denken. Das Klavier übernimmt hier die Führung, die Streicher schluchzen dazu herb. Die am Ende zusammengefasste Wucht in Moll überwältigt!

Mit wildem Drive strebt das Allegro vivace in Satz vier dem Ende zu, mit Klang-Clustern und hochromantischer Komplexität. Das endgültige Ende wendet sich nach Dur, singt noch einmal in den Streichern, sodass man Arthur Honeggers Behauptung glauben mag, dass „die Türen der Musik“ sich so „leise auftun, wie sonst nichts auf der Welt.“ Dieser Sergej Tanejew allerdings hämmert ganz gewaltig  dagegen – herein kam ein Strom an Energie, Gefühl, Staunen, Erschaudern, Glück. Darin war der Komponist dann ganz russisch!

Mit dem Tanejew-Quintett lenkte der künstlerische Leiter der Sommerakademie, Hinrich Alpers, die Hörgewohnheiten seines Publikums wiederholt in nicht gewohnte Bahnen. Dass die künstlerische Qualität auch abseits der ausgetretenen Wege zwischen Bach und Chopin, Mozart und Beethoven eine immer wieder erfreulich hohe ist, macht es leicht, sich auch vermeintlich „fremder“ Musik zu öffnen.

Vor der Pause dieser zweiten Kammermusik-Gala erklangen Haydn und Beethoven. Zunächst allerdings wieder das „Jubilee Diary“, das Jubiläumstagebuch, von Benedict Mason. Die Besetzung diesmal: „6 sitzende Pianisten, 10 laufende Pianisten, 6 Violinen, 6 Metronome, 6 Klanghölzer“. Es wird schwer sein, am Ende der 10. Sommerakademie aus dieser Musik eine Art Erkennungsmelodie zu formen, dazu ist das Gehörte zu experimentell gewesen.

Jedenfalls tröpfelt das Stück dieses Mal mit den Geigen aus, und ehe die Zuhörer es begreifen, beginnen Sabine Frick, Wojciech Garbowski und Hinrich Alpers schon mit Joseph Haydns Klaviertrio E-Dur Hob. XV:28. Haydn schrieb es im Jahr1795 zu seinem zweiten London-Aufenthalt für die dort gefeierte Pianistin Theresa Jansen. Es war ein Tribut an deren Meisterschaft, denn „Geschick, Kraft und koloristische Fähigkeiten“ müsse man besitzen, schrieb ein Kritiker der Zeit. Die drei Profis lieferten ein konzentriertes und klangschönes Spiel, das gegenseitiges Vertrauen und Zuverlässigkeit spüren ließ. Dieser Haydn war in ihrer Interpretation an keiner Stelle über 200 Jahre alt oder gar verstaubt, sondern quicklebendig und modern.

Zweiter Programmpunkt: Das Klavierquartett C-Dur WoO 36,3 von Ludwig van Beethoven. Wieder strichen Garbowski  und Anschel Violine und Viola, am Klavier saß Professor Jerome Lowenthal. In ihre Mitte hatten sie die 19-jährige Taiwanesin Yu-Tung Huang am Violoncello genommen.

Lowenthal gab ein sehr flottes Tempo vor fürs Allegro vivace in Satz eins und dominierte das Ganze auch. Und vielleicht hätten die zwei Streicherkollegen die sehr schüchterne Yu-Tung ein wenig mehr ermuntern können. Beethoven schrieb das Quartett (zusammen mit denen in Es-Dur und D-Dur) im zarten Alter von 15 Jahren. Es ist ein Dokument des jugendlichen Genies, eine klare Aufgabenverteilung an die Instrumente fehlt jedoch. Alle sind immer im Einsatz. Insgesamt besaß die Aufführung  Schwung und Präsentierlust, war geradlinig, obgleich genauso manchmal auch spröde, etwa im Adagio.

Will man diesem Kammermusikabend etwas vorhalten, dann die Tatsache, dass nur zwei Studenten zu Einsatz kamen. Aber eine dahingehende Frage an Hinrich Alpers vor geraumer Zeit erhielt die Antwort, dass die Studierenden häufig nicht  für bestimmte Stücke zur Verfügung stehen. Umso mehr ist an dieser Stelle noch einmal Valentine Blangé zu applaudieren!

 

Barbara Kaiser – 11. Juli 2019

 

Ein musikalischer Jungbrunnen
Erste Sommerakademie-Kammermusik-Gala mit Mozart, Mendelssohn und Fauré

Troels Svane klopfte Hadas Caspi, seinem 19-jährigen Kollegen am Violoncello, auf die Schulter nach dessen Auftritt. Das mochte so viel heißen wie: gut gemacht. Der junge Israeli hatte mit den Dozenten Stephan Picard (Violine) und Jennifer Anschel (Viola) im Klavierquartett c-moll op. 15 von Gabriel Fauré gespielt, wobei sich den Klavierpart die ebenfalls 19-jährige Chinesin Chong Wang und Marie Rosa Günter (27) aus Hannover teilten.

Die erste Kammermusik-Gala der Sommerakademie war ein muskalischer Jungbrunnen. Auf der Suche nach Superlativen für deren Beschreibung riet mir mein Mann, doch mal ein paar Twitter-Nachrichten des amerikanischen Präsidenten anzusehen, da hieße es ständig „wundervoll“ und vor allem „great“! Weil es aber ein bisschen differenzierter sein darf, hier der erneute Versuch, Musik zu beschreiben, was eigentlich nicht geht.

Das erwähnte Fauré-Quartett, dieses schwungvolle und elegante viersätzige Werk aus dem Jahr 1879, das durch die Frische und Balance aller Stimmen zu glänzen weiß, obgleich es sich formal an romantische Vorbilder hält, war mein persönlicher Favorit des Abends.

Mit Leidenschaft und Zartheit breiteten die Musiker die Klänge aus, poesievoll ausschattiert, voller atmender Melodiebögen und federnder Leichtigkeit. Wenn schon kein Trump-Wortschatz, so soll hier – schließlich ist die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen gerade vorüber – ein Begriff von da verwendet werden: Mit Effet! Heißt: da werden die Noten gespielt, immer und zu aller Zeit; was die Musiker aber daraus machen, welchen Vibration, welche Dynamik sie ihnen verleihen, was auf dem Weg in des Zuhörers Ohr passiert – das macht die Kunst aus. Und die war bei diesem Quartett eine besondere. (So wie die Fußballerin den Ball auf eine Art tritt, dass er in seiner Flugbahn ein Eigenleben entwickelt und den Gegner überrascht.)

Begonnen hatte der Abend mit einer neuen Fassung von Benedict Masons „Jubiläumstagebuch“, dieses Mal mit sechs Pianisten, je sechs Violinen, Violoncelli, Metronomen und Klanghölzern. (An dieser Stelle galt der Dank von Dr. Theodor Elster dem Vorstandsvorsitzenden der Metronom-Gesellschaft, Dr. Lorenz Kasch, für das Sponsoring dieser kleinen gelben Ticker.) Mit den Streichern klang es ein wenig nach Katzenjammer, aber dass sechs Pianisten an einem Flügel gleichzeitig wirken, hätte man auch nicht für möglich gehalten. Das Csárdás-Motiv gemahnte in dieser Fassung an Franz Liszt, die Metronome lassen es seinem Ende entgegentröpfeln… Witzig allemal.

Danach Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviertrio E-Dur KV 542. Der Komponist schrieb es für eine seine Schülerinnen, für Franziska von Jacquin. Der Sommer 1788 war für Mozart eine unbeschwerte Jahreszeit mit Freunden, mit denen Hausmusik betrieben wurde. Dafür entstand das Trio in der für ihn ungewöhnlichen Tonart.

Die 20-jährige Polin Magdalena Turek spielte eine wundervolle Violine. Dozent Troels Svane strich das Violoncello, am Flügel Karim Said, über dessen Qualitäten man sowieso nicht diskutieren muss. Alle drei besaßen einen Sinn für ausgeprägte Linienführung und klangliche Analyse. Und über die technische Perfektion zu reden und das synchrone Spiel zu loben schickte die sprichwörtlichen Eulen nach Athen – das ist eine Basis, die felsenfest steht. Übrigens bei allen Akteuren des Abends.

In der Musikwissenschaft spekuliert man darüber, ob dieses Trio eine Charakteristik oben erwähnter Franziska sei. Falls ja, war die Dame eine sehr selbstbewusste, charmante Person. Denn wer sonst bekäme diesen technisch und musikalisch anspruchsvollen Klavierpart von einem Mozart übereignet?

Drittes Ensemble des Abends: Felix Mendelssohn-Bartholdy, Klaviertrio d-moll op. 49. Unter der Leitung von Wojciech Garbowski (Violine) komplettierten das Gespann die zu großen Hoffnungen Anlass gebende, erst 13-jährige Koreanerin Sunghyun Park (Violoncello) und die souveräne Anastasia Magamedowa (21) aus Russland am Flügel. Hier wurde mit überspringender Vitalität musiziert, vielleicht manchmal ein bisschen zu ruppig. Aber der Umgang mit Tempi und Zeit zeugten von einer gewissen Gelassenheit, das zeichnete das Spiel, das romantische Wucht war, aus.

Die erste Kammermusik-Gala war schon fast die Halbzeit der Sommerakademie. Die folgenden Konzerte verheißen hinreißende Hörerlebnisse.

Mason heute anschmiegsam: Sechs Pianisten an einem Klavier

Mozart: Magdalena Turek, Karim Said und Troels Svane

Fauré mit zwei Pianistinnen: Stephan Picard, Marie Rosa Günter, Chong Wang, Jennifer Anschel, Hadas Caspi

  Anastasia Magamedova und Sunghyun Park spielen Mendelssohn

Barbara Kaiser – 09. Juli 2019

 

 

 

Ears wide open 2.0
Wiederholungsgast Jan Harlan plaudert mit  Hinrich Alpers über die Rolle der Musik im Film

In Anlehnung an das Paradoxon des Stanley-Kubrick-Film-Titels „Eyes wide shut“ ersann Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter der Sommerakademie, vor drei Jahren „Ears wide open – Warum Filme Musik brauchen“. Sein Partner war der Filmproduzent Jan Harlan, der lange Jahre mit Kubrick zusammengearbeitet hatte. Jetzt war er wieder da und plauderte erneut über die Auffassung: „Filmen ist Zeigen, nicht Reden“. Recht hat er. Denken wir Filmkonsumenten doch manches Mal, warum der Streifen  in einer unsäglichen Soße aus Geigen ersäuft werden muss.

Bei Stanley Kubrick war das anders: Da wurde der Film der Musik angepasst, auch wenn nachträglich noch einmal völlig neu geschnitten werden musste. So tanzen die Raumschiffe in „2001 – Odyssee im Weltraum“ zu Johann Strauß` „Schönen blauen Donau“. Und es passt! Genau wie die Richard-Strauss-Noten „Also sprach Zarathustra“ zum schlichten Entree. Für Kubrick kam es nicht in Frage, die Musik zu vergewaltigen. Wie wohltuend.

Das alles und noch vielmehr erfuhren die interessierten Zuhörer beim Gespräch, das Hinrich Alpers am Flügel mit der Aria aus Bachs Goldberg-Variationen einleitete. Um gleich danach den Film „Der englische Patient“ ins Gespräch zu bringen, wo eben das gespielt wird und ohne zu reden alles gesagt ist.

„Einen Film zu machen, is a love affair“, hatte Jan Harlan vor drei Jahren gesagt. Das untermauerte er erneut, denn er brannte immer noch für diese Arbeit. Vor allem die mit Kubrick. An zahlreichen Beispielen zeigten die beiden Redner, was Musik für einen Film ist. Sein kann.

Beispiel: Zu Edvard Griegs „Morgenstimmung“ aus der Peer-Gynt-Suite gibt es monumentale Landschaft zu sehen. Schneebedeckte Berge, eine Straße, die sich, an den Berg schmiegend, schlängelt. Darauf ein fahrendes Auto. Es gibt nichts Tauglicheres für eine Natur-Doku wie diese…Weit gefehlt! Dieser Vorspann gehört zu „The Shining“, dem Horrorfilm von Stanley Kubrick nach dem gleichnamigen Buch von Steven King. Als Alpers die richtige Musik dazustellt, ändert sich die Stimmung schlagartig. Genauso noch einmal, als er sich ans Klavier setzt und den langsamen Satz aus Beethovens „Pathetique“ zu denselben (!) Bildern spielt. Wir sehen eben, was wir sehen wollen.

Es war ein interessanter und durch die Beispiele ein kurzweiliger Gesprächsabend. Und vielleicht hört und schaut man beim nächsten Film genauer hin. Ob die Musik eine fehlende Handlung ersetzt oder die forciert. Ob sie die Gefühle steigert und selber erzählt oder ein Nichts zusätzlich zukippt.

Am Schluss verrate ich hier noch meine Lieblingsszene plus Musik: Wenn das Adagio aus Mozarts Klarinettenkonzert erklingt, sehe ich unweigerlich, wie Robert Redford Meryl Streep in der afrikanischen Savanne die Haare wäscht, ganz vorsichtig Wasser über ihren Kopf gießt. Sie sehen sich dabei an – und zu sagen gibt es dabei absolut nichts!

Die Ohren also auf! Die Sommerakademie hat gerade erst angefangen.

Barbara Kaiser – 07. Juli 2019

 

Sehr überzeugend
Hochklassiges Dozentenkonzert mit Uraufführung bei der Sommerakademie

Es ist eine Musik zwischen Rummelplatz und Csárdás, das Auftragswerk an Benedict Mason, der ein „Jubilee Diary“ (Jubiläumstagebuch) ablieferte. Mit sechs Metronomen, acht Klanghölzern und einem Flügel musizierten Dozenten und Studenten gemeinsam das kurze Stück, das die „Keimzelle“ sein soll für ein allabendliches Entree, eine Ouvertüre. Immer in anderer Besetzung – man darf gespannt sein.

Auf die Frage, ob er zufrieden sei mit dem Ergebnis der Auftragspartitur, erwiderte Hinrich Alpers: Es macht Spaß. Der darf natürlich nicht zu kurz kommen im harten Alltag, also bleiben wir als Zuhörer neugierig.

Die Sommerakademie eröffnete am ersten Abend musikalisch traditionell mit dem „Vorspiel“ der Dozenten, die sich allesamt Lorbeeren verdienten mit ihrem Auftritt. Karim Said sorgte mit der „Fantasie in A“ von William Byrd, einem Shakespeare-Zeitgenossen, für einen präzisen wie glänzenden Auftritt. Man durfte sich versetzt fühlen an den Hof von Elisabeth I.

Karim Saids Spiel erzählte leicht und flüssig vom Tändeln und Schwärmen, vom Girren und Flüstern, dem Haschen, Fangen und Erliegen. Alltag der vielen Taugenichtse bei Hofe, die sich die Zeit vertrieben mit Musik und Spiel.

Den längsten Part des Konzertabends nahm sich Konstanze Eickhorst vor. Mit der „Chromatischen Fantasie und Fuge“ von Johann Sebastian Bach und den „Variations Sérieuses“ op. 54 von Felix Mendelssohn-Bartholdy wies sich die Pianistin vor Publikum und Studenten als eine Kundige ihres Fachs aus.

Sie entzündete ein Feuerwerk zwischen Auf und Ab (Chromatik), das einem imaginären Höhepunkt zu jagten. Die Musikerin machte beherzt ein rauschendes Angebot, ein fingerflinkes, opulentes Schwatzen, das sich, bedenkend, der glasklaren Fuge ergibt. Eickhorst musizierte wunderbar energisch, an keiner Stelle barock-breiig. Ähnliche Durchsichtigkeit ließ sie bei Mendelssohn-Bartholdy walten, drehte das Tempo noch einen Metronomschlag auf, schaffte das Presto jedoch stets ohne verbissene Schärfe. Die Fugen-Variation hatte Innigkeit, die Melancholie war nie von nur beschwerender Schwermut.

Dafür bekam sie langen Applaus.

Danach der Lehrer mit dem ehemaligen Schüler: Bernd Goetzke und Hinrich Alpers. Ihr Auftritt war kurz, ein wenig kokett, aber eindrucksvoll. Igor Strawinskys „Drei leichte Stücke für Klavier zu vier Händen – Marsch, Walzer, Polka“ nahmen die beiden so, wie es sechs-/siebenjährige Schüler voller Stolz auf das eigene Können getan haben würden. Sie vergaßen für einen Moment ihren kultivierten Anschlag, der sie zu Meistern des Leisen macht, und gaben ihren Affen Zucker. Es hätte den Zuhörer nicht gewundert, griffe einer von ihnen absichtlich daneben… Lachen. Applaus.

Den Abschluss bildete das Klaviertrio Nr. 1 op. 8 von Dmitri Schostakowitsch, das der im Jahr 1923 im zarten Alter von 17 Jahren komponierte. Stephan Picard strich die Geige, Troels Svane saß am Violoncello, am Flügel Hinrich Alpers.

Drängende Streicher von einer atemberaubenden Gewalt und Suggestion, ein insistierendes Klavier. Der Versuch, eine gemeinsame Schnittmenge zu finden, gelingt am Ende nach ekstatischem Ringen, das von trauriger Lyrik unterbrochen wurde, nur scheinbar. Versöhnt wird nicht. Das Trio besaß in der Ausführung diesen Aufmerksamkeit erzwingenden Klang der russischen Schönheit.

Es war ein würdiger, anregender und sehr schöner Auftakt der zehnten Sommerakademie. Mit überzeugenden Dozenten, die mit gutem Grund auch ihre Studenten zu Höchstleistungen anspornen werden.


Stephan Picard, Hinrich Alpers und Troels Svane


Benedict Mason, Komponist des “Jubilee Diary”, nimmt seinen Applaus entgegen


Karim Said


Konstanze Eickhorst


Schlußapplaus mit allen Mitwirkenden

Barbara Kaiser – 06. Juli 2019

 

Zehn Tage voller Musik
Eröffnung der 10. Internationalen Sommerakademie mit Teilnehmerrekord

„I`ll be back the last concert-evening to hear, what you`ve learnt“, versprach Bürgermeister Jürgen Markwardt und es klang keineswegs wie eine Drohung. Eher wie Ermunterung und Ansporn. Weil man doch die besten Lehrer und Professoren für sich zur Verfügung habe.

Die 10. Internationale Sommerakademie wurde mit Teilnehmerrekord eröffnet.  37 junge Menschen aus der ganzen Welt kamen in die Lüneburger Heide nach Uelzen (obwohl diese Dopplung des ü-Umlauts für Nicht-Muttersprachler ein Graus sein muss!), um in den Meisterkursen bei Bernd Goetzke, Konstanze Eickhorst, Jerome Lowenthal (Klavier), Stephan Picard (Violine) und Troels Svane (Violoncello) ihre Fähigkeiten zu vervollkommnen, ihre musikalischen Einsichten zu erweitern.

Er sei „very, very happy“ bekannte Hinrich Alpers, der künstlerische Leiter und selber unterrichtender Pianist, dass so viele Teilnehmer wie niemals zuvor in seine Heimatstadt  gekommen seien, es sei nun „das Limit der Kurse“ erreicht. „Wir werden zehn Tage mit Musik füllen“, freute sich der 37-Jährige und resümierte, dass keiner nach dem Beginn im Jahr 2010 an eine zehnte Ausgabe dieser internationalen Veranstaltung gedacht habe.

„Thank you very much for coming here“, bedankte er sich auch bei den Studenten, ohne die es diese Zusammenkünfte in schöpferischer wie aufregend künstlerischer Atmosphäre nicht gäbe. Die Jüngste in der großen Schar des Jahrgangs 2019 ist übrigens Lucy, die vor zwei Tagen 13 Jahre alt wurde und aus Hamburg anreiste.

Die Internationale Sommerakademie strahlt weit über die Region hinaus, das ist kein Geheimnis. Man sah neben bekannten Gesichtern unter den Studentinnen und Studenten viele neue, alle erwartungsvoll gespannt. Und wie sehr die Zeit verging ist auch daran zu erkennen, dass beispielsweise Karim Said (London), zu Beginn selber Student, nun auch mitunterrichtet.

Neun Jahre sei es her, so Alpers, dass „Bernd Goetzke and me“ starteten. Damals mit gerade einmal 20 Teilnehmern. Aber der Erfolg von Anfang an machte das internationale Ereignis in unserer kleinen Stadt zu einem inzwischen wiederkehrenden kulturellen und musikalischen Höhepunkt. Auch dafür, für das Beharrungsvermögen und die Top-Leistung aller (!) Beteiligten, übergab Jan Damman für die Niedersächsische Sparkassenstiftung und die Sparkasse Uelzen/Lüchow-Dannenberg einen willkommenen Scheck.

„Your time also use to discover our town!“, wünschte sich Stadtoberhaupt, „Major Markwardt“, dass die Musikerinnen und Musiker auch durch die Stadt schlenderten. Es gäbe eine Menge zu entdecken, versprach er. Unternehmungslustig sahen sie alle aus.

Aber jetzt beginnt erst einmal der Unterricht, bis heute Abend, 19 Uhr, die „Jubiläumsfanfare“ des Komponisten Benedict Mason – ein Auftragswerk zum Zehnjährigen – das erste Mal erklingen wird, und sich die Dozenten dem Publikum im Konzert vorstellen. Eine schöne Tradition der Sommerakademie, obgleich sich ein Lehrer ansonsten vor seinen Schülern nicht legitimiert. Aber hier ist eben alles ein bisschen anders. Entspannter, fröhlicher, kollegialer – die Internationale Sommerakademie in Uelzen eben.


So viele Teilnehmer wie noch nie …


Die letzten Plakate werden angebracht


Symbolische Scheckübergabe an Dr. Theodor Elster und Birgit Alpers-Meyer


Üben!

Barbara Kaiser – 05. Juli 2019